Entwicklung Aikido

Entwicklung des Aikido

EINLEITUNG

Die weltweite Verbreitung des Aikido begann erst nach dem 2. Weltkrieg. Die Art und Weise, wie Aikido heute ausgeführt wird, geht eher auf die Interpretationen führender Lehrer zurück, welche langjährige Schüler beim Aikido-Begründer O-Sensei Ueshiba Morihei waren. Die Interpretationen werden auch als Stilrichtungen bezeichnet. Im Aikido Dojo Rüsselsheim üben wir die Stilrichtung Tendoryu Aikido, eine Aikido-Interpretation von Shimizu Sensei. Die einzelnen Stilrichtungen bildeten mit der Zeit unverwechselbare Merkmale aus. Diese Entwicklung ist hauptsächlich historisch begründet.

DER BEGRÜNDER, MORHIHEI UESHIBA

Um die besonderen Eigenschaften des modernen Aikido zu erfassen, muß man die außergewöhnliche Persönlichkeit des Begründers Morihei Ueshiba kennen. Seine Weltsicht war stark von den Lehren der Omote-Religion beeinflußt und ist heutigen Japanern kaum mehr zugänglich.

Morhihei Ueshiba wurde am 14.12.1883 in der Hafenstadt Tanabe in der heutigen Präfektur Wakayama in recht begüterte Verhältnisse geboren. Morihei war ein kränkliches Kind und wurde von seinem Vater stets ermuntert, seinen zerbrechlichen Körper zu kräftigen. Mit 17 Jahren zog er nach Tokyo um dort mit der Unterstützung reicher Verwandter Kaufmann zu werden. Dort kam er erstmals mit Kampfkünsten in Berührung. Im Vorfeld des russisch-japansichen Krieges trat er, wieder zurückgekehrt nach Tanabe, in die japanische Armee ein. Auch während seines Militärdienstes trainierte er weiter, u.a. auch Judo.

ÜBERSIEDLUNG NACH HOKKAIDO

Im Jahr 1912 führte Morihei 54 Familien zusammen in den entlegenen Norden Hokkaidos, als die japanische Regierung Anreize schuf, um die Besiedlung dieser schwach besiedelten Insel voranzutreiben. Die Siedler gründeten das Dorf Shirataki wo sie unter spartanischen Bedingungen lebten. Dort traf er den exzentrischen, aber hochbegabten Jujutsu-Lehrer Sokaku Takeda. Morihei war von den feinnervigen Techniken in Takedas Kunst, welche unter dem Namen Daito-ryu bekannt wurde, fasziniert und investierte erhebliche Mittel und viel Zeit, Daito-ryu zu lernen. Morihei zog zu seinem Lehrer und wurde einer seiner besten Schüler.

Nachdem Morihei beträchtliche Fertigkeiten in dieser Kampfkunst erworben hatte, bekam er die Überlieferungsrolle der ersten Stufe verliehen. Das Daito-ryu-Programm, mit dem er sich beschäftigte, bestand aus mehreren hundert Jujutsu-Techniken mit komplexen Bewegungen, Hebeln und Festhaltegriffen. Takeda zeigte auch seine Fähigkeit, die er “aiki” nannte und mit deren Hilfe er die Gedanken des Angreifers kontrollierte und so seine Aggression neutralisierte. Unter anderem beherrschte er Schwert, Shuriken und Eisenfächer meisterhaft. Die Techniken von Takedas Jujutsu sollten später die Grundlage für praktisch alle Aikido-Bewegungen bilden. Sein Beitrag zu Moriheis Kunst kann nicht hoch genug bewertet werden. Als Morheis Vater plötzlich im Sterben lag, eilte er nach Tanabe und kehrte nie wieder nach Hokkaido zurück.

Auf der Fahrt an das Sterbebett des Vaters erfuhr Morihei von einem außergewöhnlichen Führer namens Onisaburo Deguchi, einem Anhänger der Omote-Religion, welcher Heilkräfte besitzen soll. Um diesen zu bitten, für seinen Vater zu beten, machte er einen Umweg um Deguchi zu besuchen und Deguchi hinterließ einen sehr bleibenden Eindruck bei Morihei. Jedoch war der geliebte Vater bei Ankunft in Tanabe bereits verstorben und Morihei hatte an diesem Verlust hart zu kämpfen. Nach mehreren Monaten in Tanabe entschloß sich Morihei zu Deguchi nach Ayabe zu ziehen um im asketischen Leben der Omote Anhänger inneren Frieden zu finden.

JAHRE IN TOKYO

Deguchi war von Moriheis Kampfkünsten so begeistert, daß er ihn ermunterte, eine Schule zu eröffnen, in welcher Morihei Daito-ryu lehrte. Langsam sprachen sich Moriheis Kenntnisse herum, v.a. im Kreise der Marine, da einige seiner Schüler Marineoffiziere waren. Schließlich wurde vereinbart, daß Morihei in Tokyo Jujutsu-Lehrgänge durchführen sollte und er zog nach Tokyo. Moriheis Kunst wurde in Tokyo unter verschiedenen Namen bekannt und gewann an Popularität. Tatsächlich lehrte er die Techniken des Daito-ryu aikijujutsu, wie Takedas Kunst oft genannt wurde. In Tokyo wurde dann auch mit Unterstützung von Förderern das erste Dojo (Kobukan Dojo) gegründet.

Mit der Zeit verschlechterten sich die Beziehungen zu seinem ehemaligen Lehrer Takeda und Morihei distanzierte sich immer mehr von ihm. Dennoch machten die abgewandelten Techniken des Daito-ryo immer noch einen Großteil von Moriheis Repertoire aus, welche auch als “aiki budo” bekannt wurden. Auch stand Morihei weiterhin in engem Kontakt mit der Omote-Religion. Als Japan in China und Südostasien intervenierte, wurden viele Schüler in den Militärdienst eingezogen und zum Beginn des Pazifikkrieges war das Dojo fast leer. Aufgrund einer Krankheit zog sich Ueshiba in das Dorf Iwama in der Präfektur Ibaraki zurück.

ENTWICKLUNG EINER NEUEN, VOLLKOMMENEN KAMPFKUNST

In Ibaraki widmete er sich der Landwirtschaft, dem Training und der Meditation. Die Jahre in Ibaraki sollten für die Entwicklung des modernen Aikido entscheidend werden. Ueshiba vertiefte sich in intensives Training und Gebet um eine neue und vollkommene Kampfkunst zu entwickeln. Sein Anliegen war es, basierend auf dieser zu entwickelnden Kampfkunst, Konflikte friedlich zu lösen. Während dieser Zeit ging auch der 2. Weltkrieg für Japan zu Ende. Da viele Japaner zu diesem Zeitpunkt in Armut lebten, hatte Ueshiba kaum Schüler.

Nach Jahren der Abgeschiedenheit begann er, sich ernsthaft mit Schwert und Stab (im Aikido bekannt als aiki ken und aiki jo) zu beschäftigen. Kenntnisse im Umgang mit diesen Waffen erschienen ihm als unerläßliche Grundlage für die Ausführung von Körpertechniken. In seinem Lehrplan konzipierte Ueshiba Aikido als umfassendes System, das Übungen sowohl mit als auch ohne Waffen einschloß.

AIKIDO VERBREITET SICH, O-SENSEI MORHIHEI UESHIBA

Ab Mitte der der 1950er Jahre wagte sich Ueshiba wieder öfter aus seiner Abgeschiedenheit, reiste nach Tokyo, Osaka oder Wakayama um Lehrgänge zu halten und war recht beschäftigt. Viele Schüler waren von seinen kraftvollen, eleganten und unbeschwerten Bewegungen sowie den ethischen Ansichten über Kampfkünste begeistert. Als sich sein Gesundheitszustand langsam verschlechterte, verbrachte Ueshiba viel Zeit in Tokyo. Da er nicht mehr in der Lage war, sich so schnell und frei zu bewegen wie in seinen jungen Jahren wandelte sich sein Aikido. Viele seiner Techniken wurden verkürzt und er warf seine jungen und kräftigen Schüler mit einer schnellen Bewegung oder einem kurzen Zucken mit der Hand, manchmal sogar, ohne seinen Partner zu berühren.

Weil gerade in dieser Phase von Ueshibas Leben Aikido begann, international bekannt zu werden, beherrscht das Bild eines kleinen alten Mannes mit weißem Bar, der mit seinen Händen vor einem anstürmenden Angreifer herumfuchtelt, die Vorstellung vieler Schüler und Lehrer der Kunst. Der Spätstil des Begründers ist als natürliche Entwicklung aus seinen vorhergehenden Erfahrungen erklärbar, doch wie Ueshiba selbst stets unterstrich, waren seine Fähigkeiten zu diesem Zeitpunkt das Ergebnis von über 60 Jahren Training. Der Begründer des Aikido verstarb am 26. April 1969.

Der Titel O-Sensei bedeutet soviel wie “Großer Meister” und wird aus Respekt vor der Leistung von Morihei Ueshiba seinem Namen vorangestellt.

AIKIDO IN ZUKUNFT

Die Zukunft des Aikido sieht vielversprechend aus, nachdem die Kunst dabei ist, sich zu voller Blüte zu entwickeln. Es gibt sowohl in Japan als auch im Ausland viele Lehrer mit über 30 Jahren Lehr- und Trainingserfahrung. Buchstäblich Hunderte von Büchern in allen Sprachen sind über Aikido veröffentlicht worden und Aikido hat in den Bereichen öffentliche Ordnung, Psychologie, Physiotherapie und zahlreichen anderen Gebieten phantasievolle Anwendung gefunden.

Quellenverweis: Takemusu Aikido, Band 1, 1999 Budo Concepts Verlag (Figueras, Spanien), auszugsweise.